Von DINK zu NINK in 5 Tagen. Wie zwei Kündigungen unser Leben verändert haben
Das Wichtigste in Kürze
Wir wurden beide innerhalb von 5 Tagen betriebsbedingt gekündigt. Über den Gründerzuschuss und die Arbeitsagentur haben wir den Sprung in die Vollzeit-Selbstständigkeit geschafft. Es war nicht glamourös, aber es hat funktioniert. Das hier ist unsere Geschichte.
Für alle, die die Abkürzung nicht kennen: DINK steht für Double Income, No Kids. Zwei Gehälter, keine Kinder, die Welt steht einem offen. NINK steht für No Income, No Kids. Das steht in keinem Lehrbuch, weil es normalerweise kein erstrebenswerter Zustand ist.
Bei uns hat der Wechsel von DINK zu NINK genau fünf Tage gedauert.
Aber von vorne.
Eigentlich lief es gut. Wirklich gut sogar. Wir hatten geheiratet, uns ein Sabbatical gegönnt, danach beide neue Jobs gefunden. Waren wir vorher im gleichen Unternehmen beschäftigt, hatten wir uns nun bewusst unterschiedliche Arbeitgeber gesucht. Man muss ja Risikostreuung betreiben. Soweit die Theorie.
Wir hatten also beide unsere unbefristeten Jobs, ein gutes Gehalt, Verantwortung. Ich war endlich da, wo ich hinwollte. Director Communications. Ein eigenes Team. Ich war endlich weiter oben auf der Karriereleiter angekommen, die man jahrelang hochklettert. Oder zumindest da, wo es sich nach oben anfühlt. Ich habe mir immer gesagt, dass ich meinen Master nicht umsonst gemacht haben wollte. Da gehört das schließlich dazu.
Betriebsbedingte Kündigung: Wie ich im Teams-Call meinen Job verloren habe
Und dann kam der 10. November. Ich saß zu Hause am Schreibtisch, remote wie immer. Im Kalender tauchte ein Termin auf, eingeladen von HR, ohne Agenda und ohne Kontext. Nur ein Zeitslot und ein paar Namen.
Ich hatte es schon vorher geahnt, hatte das Munkeln gehört, die Stimmung mitbekommen. Für so was habe ich ein gutes Gespür. Aber Ahnen und Wissen sind zwei verschiedene Dinge. Und als ich mich in den Call einwählte und die anderen Teilnehmer sah – alles Leute aus meiner Abteilung, aus der Nachbarabteilung – da ist die Erkenntnis eingesunken und hat mich getroffen wie eine saftige Ohrfeige. Es war klar, dass das kein Strategie-Update war, sondern ein großer Rundumschlag: Betriebsbedingte Kündigung. Für alle, die in diesem Call saßen.
Ich saß danach eine Weile am Schreibtisch und habe auf meinen Bildschirm gestarrt. Aber wenn ich ehrlich bin: Erleichtert war ich auch ein Stück weit. Manchmal weiß man, dass etwas nicht stimmt, traut sich aber nicht, selbst den Stecker zu ziehen. Dann tut es eben jemand anderes für einen.
Als der erste Schock sich gelegt hatte, kam ein anderer Gedanke: Das ist jetzt die Chance. Martin hat ja noch seinen Job, wir haben ein Gehalt im Rücken. Ich kann die eingeschlafene Selbstständigkeit wieder aufwecken und diesmal richtig aufbauen. Vollzeit statt nebenbei. Es fühlte sich fast nach einem Plan an.
„Na, wurdest du auch gekündigt?“ – „Ja.“
Wir spulen vor. Fünf Tage später. Es ist der 14. November.
Martin hatte einen Termin mit seinem Arbeitgeber. Probezeitendgespräch. Die nächsten Schritte sollen besprochen werden, die weitere Zusammenarbeit nach der Probezeit. Jedenfalls hätte man das aufgrund des Kalendereintrag so deuten können.
Martin ging also ins andere Zimmer, um zu telefonieren. Als er wieder reinkam, sah er aus wie jemand, dem gerade etwas sehr, sehr Unangenehmes passiert ist.
Ich meinte – halb im Scherz, weil mein Humor grundsätzlich fragwürdig ist und in Stresssituationen nicht besser wird: „Na, wurdest du auch gekündigt?“
Er: „Ja.“
Ich: „…“
Er: „…“
Wirtschaftlich lief es im Unternehmen nicht gut, und Martin war noch in der Probezeit – kurz vor Ende, um genau zu sein. Die Entscheidung war nicht bösartig. Sie war betriebswirtschaftlich logisch. Und er war nicht der einzige, den es getroffen hat.
Da standen wir uns also im Wohnzimmer gegenüber. Eine wahnsinnig absurde Situation, mit der wir niemals im Leben gerechnet hätten. Immerhin hatten wir Risikodiversifikation betrieben. Anderer Arbeitgeber, dennoch gleiche Geschichte.
Wir saßen also im selben Boot, wie man so schön sagt. Und auch wenn wir gerne alles teilen, hätten wir ausgerechnet darauf gerne verzichtet. Denn auch dasselbe Boot macht es nicht angenehmer, wenn es am Sinken ist und man abends zusammen auf der Couch sitzt und realisiert, dass von zwei Gehältern innerhalb einer Woche null übriggeblieben sind.
Von DINK zu NINK in fünf Tagen. Kein Einkommen, keine Kinder (immerhin), dafür Rechnungen, Verträge und eine Eigentumswohnung, die abbezahlt werden wollte, und zwei Leute, die sich anschauen und denken: Und jetzt?
Nach der Kündigung: Warum wir uns für die Selbstständigkeit entschieden haben
Ich bin ja eher der Typ, der sich die 5.678 schlimmsten Fälle durchrechnet, sich Szenarien ausmalt, die (vermutlich, aber das weiß man eben vorher nicht) nie eintreten werden, und bin überzeugt, dass alles den Bach runtergeht. Martin ist das Gegenteil. Der bleibt ruhig, schaut sich die Lage an und hat sich zum Mantra gemacht „Wer sich sorgt, leidet zwei Mal.“ Beides hat Vor- und Nachteile. Zusammen trifft man sich irgendwo in der Mitte, was vermutlich der beste Ort ist, um Entscheidungen zu treffen.
Als die erste Panikwelle meinerseits durch war, haben wir genau das gemacht. Die Lage nüchtern betrachtet. Und wenn man es nüchtern betrachtete, war die Situation eigentlich gar nicht so unlogisch. Wir wollten sowieso reisen, sowieso freier arbeiten. Wir hatten beide schon gemerkt, dass das klassische Angestelltenmodell für uns nicht mehr richtig passte – spätestens als nach Corona immer mehr Unternehmen ihre Leute zurück ins Büro zitierten. Eigentlich wollten wir sowieso irgendwann den Schritt von der Festanstellung in die Selbstständigkeit machen.
Der Plan war nur halt ein anderer gewesen: Selbstständigkeit langsam aufbauen, dann irgendwann den Absprung wagen. Nicht ins kalte Wasser geschmissen werden, zu zweit, gleichzeitig.
Hätten wir es ohne die Kündigungen jemals gemacht? Wahrscheinlich schon. Aber definitiv nicht so schnell. Und vermutlich hätten wir noch Jahre gebraucht, um uns zu trauen.
Wobei – trauen. Ich komme nicht aus einer Unternehmerfamilie. Meine Eltern waren von der Ausbildung bis zur Rente im selben Unternehmen. Da war eine Festanstellung sicher. So bin ich aufgewachsen, so kannte ich das. Selbstständigkeit war für mich nie eine ernsthafte Option. Zu unsicher. Selbst und ständig. Man hört ja die Geschichten. Und ich hatte auch genug davon gesehen, war ich doch eine ganze Weile in der Startup-Szene unterwegs und habe miterlebt, wie Unternehmen an die Wand gefahren wurden. Das macht die Angst vor dem eigenen Schritt nicht kleiner.
Aber da war eben jetzt diese Situation. Und die Ironie war nicht zu übersehen: Die Festanstellung, die immer so sicher wirkte hatte sich gerade als alles andere als sicher herausgestellt. Gleich doppelt.
Gründerzuschuss, Arbeitsagentur und der Weg in die Vollzeit-Selbstständigkeit
Was dann folgte, war nicht glamourös. Wir waren arbeitslos. Beide. Und beim Arbeitsamt melden muss man sich ja – so ist das nun mal. Dank der Corona-Nachwirkungen lief damals zum Glück alles online. Vor Ort waren wir nie. Es fühlt sich trotzdem erst mal beschissen an, gerade wenn man es vorher noch nie gemacht hat. Arbeitslos. Schwarz auf weiß. Zum ersten Mal im Leben.
Aber dann – und das sage ich heute ganz offen – war es eigentlich eine ziemlich gute Zeit. Darf man vielleicht nicht so laut sagen. Aber wenn ich gewusst hätte, wie das läuft, hätte ich es vielleicht schon früher in Betracht gezogen, statt in einem Job zu verharren, der, gelinde gesagt, nicht die beste Umgebung geboten hat. Die Sozialversicherung wird bezahlt. Man bekommt Arbeitslosengeld als Brücke. Und es gibt Förderungen, von denen viele gar nicht wissen.
Ich habe offen mit meinem Sachbearbeiter besprochen, dass ich mich selbstständig machen will, habe den Gründerzuschuss beantragt und ein gefördertes Coaching bewilligt bekommen. Martin hat sich für eine Weiterbildung entschieden, den Wirtschaftsfachwirt, den er schon länger machen wollte. Auch das wurde genehmigt.
Rückblickend hat die Arbeitsagentur bei unserer Gründung eine Rolle gespielt, die wir so nicht erwartet hätten – und die wir jedem empfehlen würden, der nach einer Kündigung über Selbstständigkeit nachdenkt.
Unsere Sachbearbeiter haben wir zum Glück während der gesamten Zeit nur selten sprechen müssen. Auch Nachweise über Bewerbungen wollten sie keine sehen. Es gab auch einfach nicht so richtig viele passende Stellen für uns. Das soll bei gut ausgebildeten Leuten öfter so sein, habe ich mir zumindest sagen lassen. Und wenn ich mich, pflichtbewusst wie ich war, im Jobportal umgeschaut habe, war da wirklich nicht viel Passendes dabei. Wie auch immer: Der Sozialstaat in Deutschland war in unserem Fall wirklich sozial. Wir hatten ja vorher auch jahrelang eingezahlt. Aber trotzdem bin ich dankbar dafür, wie es abgelaufen ist.
Also habe ich angefangen, die Selbstständigkeit aufzubauen. Richtig diesmal, nicht nebenbei. Ich habe Gott und die Welt gefragt, ob sie mich brauchen können. Und manche konnten mich tatsächlich brauchen.
Martin hat den Wirtschaftsfachwirt durchgezogen und danach noch ein Masterstudium drauf gesetzt, MBA mit Schwerpunkt Controlling. Und irgendwann auch seinen Weg in die Selbstständigkeit gefunden.
Selbstständig nach Kündigung: Wie es sich wirklich anfühlt
Ich weiß, was ihr jetzt erwartet. Den Moment, in dem alles klick gemacht hat. Der große Auftrag, der alles verändert hat. Der Morgen, an dem wir aufgewacht sind und wussten: Es hat sich gelohnt.
Den gab es bei mir nicht. Es gibt ihn bis heute nicht.
Was es gibt: Tage, an denen ich denke, das wird nichts. Wochen, in denen ich Angst habe, dass Aufträge wegbrechen. Die Zweifel gehen nicht weg, die Existenzängste melden sich regelmäßig. Es läuft nicht immer rund. Die Selbstständigkeit ist anstrengend. Jeden Tag. Aber es ist ein anderes Anstrengendes. Eins, bei dem ich selbst am Steuer sitze. Und wenn der Wind von vorne kommt, kann ich die Richtung ändern.
Und Fakt ist eben auch: Wir haben in den letzten Jahren mehr verdient als in jedem Angestelltenverhältnis davor. Wir arbeiten, wo wir wollen. Wir wachen morgens an den schönsten Orten der Welt auf, wenn wir das wollen (und wenn die Internetverbindung passt). Wir können Kunden ablehnen – zumindest theoretisch. Und wir haben mehrere Standbeine statt einem einzigen Arbeitgeber, der uns von heute auf morgen vor die Tür setzen kann.
„Es war schon kälter und es hat nicht geschneit“. Heißt: Aus einer beschissenen Situation gibt es fast immer einen Ausweg. Weil es ihn immer gab. Weil es schon mal schlimmer ausgesehen hat und trotzdem weitergegangen ist.
Selbstständigkeit war nie mein Plan. Und wenn mir jemand an dem Abend, als Martin mit diesem bleichen Gesicht ins Wohnzimmer kam, gesagt hätte, dass das hier der Anfang von etwas Gutem wird – ich hätte ihm den Vogel gezeigt.
Aber es war der Anfang.
Es war der Anfang für ein Leben, das wir selbst in die Hand genommen haben. Keines, das immer rund läuft. Keines, in dem wir jeden Tag mit Kokosnuss in der Hand am Meer sitzen und die Füße ins kalte Nass stecken. Denn selbst in die Hand nehmen, bedeutet eben auch, selbst in die Hand nehmen. Alles. Versicherungen, Banking, Bürokratie, die andere sich nicht einmal vorstellen können (und das, obwohl man ja Deutschland kennt).
Ist es das Beste, was uns passieren konnte? An guten Tagen: Ja, absolut. An schlechten Tagen bin ich mir nicht sicher. Aber wobei ich mir sicher bin: Ich möchte nicht wieder zurück, wenn es sich vermeiden lässt.
Häufige Fragen zur Selbstständigkeit nach der Kündigung
Wie fängt man nach einer Kündigung mit der Selbstständigkeit an?
Arbeitslos melden, darüber nachdenken, ob man sich wirklich selbstständig machen möchte, den Plan mit der Agentur für Arbeit besprechen, Gründercoach suchen.
Kann ich nach einer Kündigung den Gründerzuschuss bekommen?
Ja, wenn du mindestens 150 Tage Restanspruch auf ALG I hast. Du brauchst einen Businessplan und die Genehmigung deiner Sachbearbeiterin oder deines Sachbeatbeiters. Es ist kein Rechtsanspruch, aber in unserem Fall lief es unkompliziert.
Lohnt sich der Gründerzuschuss?
Ja. Du bekommst dein ALG I plus 300 € monatlich für Sozialversicherung. Die Selbstständigkeit wird also quasi vom Staat mitfinanziert, während du sie aufbaust. Besser geht’s eigentlich nicht.
Brauche ich einen Businessplan für den Gründerzuschuss?
Ja, und er muss von einer fachkundigen Stelle begutachtet werden. Das klingt aufwendiger als es ist. Der Plan muss kein 50-Seiten-Dokument sein, aber er muss zeigen, dass deine Idee tragfähig ist. Unser Tipp: Nimm ihn ernst, auch wenn sich danach alles ändert.
Was passiert mit der Sozialversicherung, wenn man sich nach der Kündigung selbstständig macht?
Solange du ALG I beziehst, bist du über die Arbeitsagentur sozialversichert. Danach musst du dich selbst um Kranken- Pflege- und Rentenversicherung kümmern. Das sollte man vorher auf dem Schirm haben.
Sollte man sich als Selbstständiger freiwillig arbeitslosenversichern?
Unbedingt prüfen. Innerhalb der ersten drei Monate nach der Gründung kannst du dich freiwillig in der Arbeitslosenversicherung weiterversichern. In den ersten zwei Jahren zahlst du nur die Hälfte des monatlichen Beitrags. Falls die Selbstständigkeit doch nicht klappt, hast du wieder Anspruch auf ALG I. Wir haben es gemacht – allein für das Sicherheitsgefühl.
Du stehst gerade an einem ähnlichen Punkt – gekündigt, unsicher, mit einer Idee im Kopf, aber ohne Plan? Genau dafür gibt es uns.
Wir sind Lisa und Martin. Wir waren schon immer Weltenbummler. Irgendwann haben wir beschlossen, Deutschland zu verlassen und leben heute in Thailand.
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